Kalksteinhöhlen mit Stalaktiten und Stalagmiten sind ja eigentlich nichts ungewöhnliches. Man kann sehr schöne Höhlen in Österreich, im Harz oder an der Ardeche besichtigen. Man bekommt am Eingang vielleicht einen Helm und geht die normgerecht gebauten Stufen hinab in die gut beleuchtete Höhle, immer vor den Abgründen, gefährlichen Vorsprüngen in Kopfhöhe gesichert und vor sonstigen Unbilden gewarnt. Das kann jeder mitmachen, auch die asthmakranke Oma mit Rollator. Anschließend kann man sich von der kühl-feuchten Luft im angeschlossenen Cafe erholen oder im Museum Wissenswertes erfahren.
Anders aber in der Grotte von Semuc Champey, die sämtliche Dimensionen und bisher Erlebtes völlig in den Schatten stellt. Alleine schon die Hinfahrt aus dem nächstgelegenen Ort Lanquin ist nichts für Sicherheitfreaks. Für die lächerlichen 12 km benötigt der kleine, wendige Allrad-LKW über eine Stunde: Feldweg on the Rocks mit mindestens 45% Steigung bzw. Gefälle in engen Serpentinen immer am Abgrund entlang. Man steht auf der schwankenden Ladefläche und verklammert sich irgendwie an der Reling fest.
Für den Besuch der Höhle benötigt man unbedingt einen Führer, in unserem Fall war das ein geschätzt 16-jähriger Local. In einer Gruppe von 22 Leuten aus aller Herren Länder wird er nun für die nächsten 1,5 Stunden über unser Wohlbefinden wachen und uns ermutigen, ihm in den dunklen Schlund zu folgen.
Die Ausrüstung für die Höhlenwanderung ist erstaunlich einfach: Badehose und eine Kerze. Alles andere wäre auch idiotisch, denn wir besuchen eine Höhle, die von einem unterirdischen Fluss durchströmt wird und in keinster Weise über irgendwelche Sicherheits- oder Lichtsysteme verfügt, also auch keine Beleuchtung. (Wir sind uns sicher: Der Führer hat noch nie einen Erste-Hilfe-Kurs besucht, hat selbst keine Sicherheitsausrüstung dabei und ...).
Schon wenige Meter nach dem Eingang nimmt der Fluss die gesamte Breite ein und man muss durch das Wasser waten. Erstaunlich, wie warm das Wasser ist, man friert eigentlich nicht und die Luft ist auch nicht wirklich kalt. Danach geht es kurz auf eine Art Halbinsel, um dann in wirklich tiefes Wasser überzugehen. Mit einer brennenden Kerze in der Hand muss man gegen die Strömung anschwimmen, und höllìsch aufpassen, das man sich nicht an irgendwelchen Kalkfelsen unter Wasser die Füße stößt. Die nächste Sinterterasse folgt, auf die man mühsam heraufklettern muss, während im Hintergrund ein Rauschen immer lauter wird. Nach einem Aufstieg über eine klapprige Leiter und Durchkriechen einer Röhre über schlüpfrige Felsen erreichen wir den nächsten Pool, an dessen Ende das Wasser aus ca. 3 m Höhe auf eine Sinterterasse fällt. Daher also das Rauschen, was in der Höhle zu einem einzigartigen Tosen anschwillt. Die Harten unter uns nehmen das Knotenseil und klettern im Wasserfall hinauf. Die Anderen steigen über die noch klapprigere Leiter neben dem Fall hinauf. Weiter geht es watend, schwimmend oder seilhangelnd bis zum Ende des Pools, wo nur eine kurze steileTerasse uns vom nächsten Pool trennt. Dieser befindet sich offenbar in einer grossen Halle und das Wasser scheint sehr tief zu sein. Grund genug für unseren Führer, die Steilwand rechts hinaufzuklettern, um dann aus 3 m in das dunkle Nichts mit einem lauten Platscher zu springen. Die Mutigen unter uns machen es nach und werden johlend beklatscht, während Joana und ich nur den Kopf schütteln bei so viel Unvernunft und Leichtsinnigkeit. Wir gehören eben zu den ältesten in unserer Gruppe und in den Augen der Anderen schon ins Altersheim.
Nach diesem Highlight geht es wieder zurück. Natürlich geschieht das, was in einer so großen Gruppe zwangsläufig geschieht: Die Flinken und Ungeduldigen sprinten voraus und die Vorsichtigen tasten sich langsam hinterher. Irgendwann stehen wir zu zweit irgendwo im halshohen Wasser und sehen keine andere Kerze von unseren Gruppenmitgliedern. Wo geht es hier zum Ausgang bitte, und bloß jetzt nicht die Kerzen wässern, was uns zuvor schon zweimal passiert ist. Nach einigen Metern sehen wir erleichtert den ersten schwachen Lichtschimmer des Ausgangs und wir sind heilfroh, etwas frierend und erschöpft wieder im tropischen Regenwald zu stehen und die üppige Vegetation um uns zu haben.
Einig sind wir uns beide: Ein derartiges Abenteuer haben wir noch nie zuvor erlebt. Das war nichts für Weicheier und klaustrophob Veranlagte. Absolute Fittness, Schwindelfreiheit, Trittsicherheit und die Fähigkeit, mit einer Hand in bewegtem unbekannten Wasser zu schwimmen ist selbstverständliche Vorraussetzung. Dafür aber erlebt man etwas wirklich atemberaubendes und unvergessliches, das uns immer in Erinnerung bleiben wird.
Gäbe es eine solche Höhle irgendwo in Europa, das Abenteuer der Besichtigung wäre durch die längst installierte Infrastrukturen und Sicherheitsvorkehrungen längst nicht mehr so groß und überwältigend. Wie es so schön an der Wand des kleinen Cafes am Eingang steht: 100% Guatemala eben.
Beeindruckendes Abenteuer! Ich frage mich die ganze Zeit, wie ihr schwimmend nicht nur eine Kerze sondern auch noch einen Fotoapparat halten konntet.
AntwortenLöschenGute Frage! Ich bin beeindruckt von Eurem Wagemut! Mit Sicherheit ein Eindruck, der für immer ins Gedächtnis gebrannt ist... Liebe Grüße aus dem kleinen Lehrerzimmer in Schwerin!
AntwortenLöschenHier die Antwort: Das konnten wir nicht. Dazu wäre weder Christian noch ich in der Lage gewesen. Einer von den guatemaltekischen Nichtschwimmern, der außer der Kerze auch noch eine olle Schwimmweste hatte, hatte sein tolles wasserfestes Sony-Handy mit. Vielleicht trug er dafür auch tatsächlich keine Kerze, denn mindestens eine Hand brauchte er um sich an den Seilen entlang zu hangeln. Dass er nicht schwimmen konnte, hat ihn übrigens auch nicht abgehalten, nach der Höhle noch mit der Schwimmweste von einer 10 Meter hohen Brücke in den strömenden Fluss zu springen, damit seine Freundin ihn dabei fotografieren kann. Nicht nur 100 % guatemaltekisch, auch 100 % Macho. Aber er hat mir netter Weise alle Fotos geschickt. Daher sind übrignes auch Christian und ich drauf. Man erkennt uns an den blonden und grauen Haaren...
AntwortenLöschenSuper, danke für den Bericht! War gerade dabei in Erinnerungen zu schwelgen als ich auf deine Seite gestoßen bin. Ich war 2004 dort und habe ebenfalls diese atemberaubende Höhlentour erlebt - wir waren nur zu zweit mit dem guide und in dieser Zeit waren wasserfeste Handys noch nicht im Gepäck, dementsprechend habe ich absolut keine Bilder von der Aktion und habe das Gefühl, dass keiner meinen Erzählungen so richtig Glauben schenkt :) man muss tatsächlich selbst da durch. Aber es ist toll für mich, Bilder zu sehen. Danke.
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